Wie führe ich ein Interview? Wie kommt man in ein Gespräch hinein und wie knacke ich den Gesprächspartner? Wir haben den Journalisten Jörg Sadrozinski, der von 2011-2017 die Deutsche Journalistenschule in München leitete und für bedeutsame Redaktionen gearbeitet hat, getroffen.

Als Journalist waren Sie lange Zeit in der Rolle des Interviewers. Welche Rolle ist Ihnen lieber: die es Interviewers oder des Interviewten?
Als Journalist darf, muss man neugierig sein. Man darf Fragen stellen und hat ein Interesse an dem Menschen, dem man gegenüber sitzt. Man möchte etwas herausfinden. Insofern ist mir diese Rolle des Interviewers eigentlich lieber als die Rolle desjenigen, der interviewt wird. Wobei ich auch keine Probleme haben, über meine Motive oder über die Dinge, von denen ich eine Ahnung habe, etwas zu erzählen.

Gespräche zwischen Menschen finden eigentlich überall statt. Nun ist das Interview aber eine spezielle Form des journalistischen Arbeitens. Ganz schwierig ist dabei immer die Einstiegsfrage. Was sind gute Einstiegsfragen bzw. - andersherum gefragt - wie sollte man nicht beginnen?
Ich halte den direkt Einstieg in ein Interview immer für etwas problematisch. Denn derjenige oder diejenige, die interviewt wird, lässt sich darauf ein und nimmt sich Zeit für solch ein Gespräch. Insofern ist es etwas immer unfair, wenn man die Fragen hintereinander wegstellt und sofort präzise Antworten erwartet. Man muss auch signalisieren, dass man sich auf das Gegenüber einlässt und dass man wirklich daran interessiert ist, was diese Person einem zu erzählen hat. Deshalb ist es oftmals ganz gut, zumindest bei Personen, die nicht so häufig Interviews geben, mit einer recht belanglosen Frage, wie zum Beispiel „Wie geht es Ihnen heute?“, einzusteigen. Bei Politikerinnen und Politikern, die häufig interviewt werden, kann man hingegen durchaus direkt mit einer provokanten Frage einsteigen.
Dabei kommt es jedoch nicht nur auf das Gegenüber an. Interviewen ist eine hohe Kunst, da man aus der Person etwas herausbekommen möchte. Es geht auch um den Zweck des Interviews. Es gibt verschiedene Formen von Interviews. Es gibt Sachinterviews, bei dem ich Sachinformationen von meinem Gegenüber haben möchte. Dabei geht es weniger um Persönliches. In diese Art von Interview kann man zum Beispiel direkt einsteigen, da die Rollen des Interviewten und des Interviewten klar definiert sind. Der Interviewer möchte möglichst viele Fragen beantwortet haben, die Fakten liefern. Da muss man nicht lange drum herumreden. Man muss auch nicht versuchen, das ganze gefühliger zu machen und eine nette Atmosphäre herzustellen. Bei anderen Formen des Interviews, wenn es zum Beispiel um eine Person geht, von der ich mehr erfahren möchte, dann muss ich sensibler agieren. Außerdem gibt es unterschiedliche Charaktere. Es gibt Menschen, die sehr selbstbewusst daherkommen und wenn ich von ihnen etwas herausbekommen möchte, muss ich sie anders anders ansprechen oder vielleicht auch ein bisschen bestätigen. Es gibt andere Charaktere, die vielleicht etwas defensiver sind, die sich rückversichern wollen und keinen Fehler machen oder nichts Falsches sagen wollen. Da muss ich meine Fragen affirmativer formulieren. Insofern gibt es keine grundsätzliche Regel, sondern es kommt immer auf die Art des Interviews an, das ich führe, und welches Ziel ich verfolge.

Welches Ihrer Interviews lief wirklich sehr gut und warum?
Ich erinnere mich gerade nicht an ein sehr gelungenes Interview. Allerdings ist mir ein Interview im Gedächtnis geblieben, bei dem ich richtig gescheitert bin. Und zwar habe ich einmal ein Interview mit Gregor Gysi (Autor und Politiker der Partei Die Linke, Anmerk. d. Redaktion) geführt. Gregor Gysi ist ein unheimlich sprachgewandter Mann. Ich habe ein Videointerview mit ihm geführt und bin vollkommen an ihm gescheitert, weil er ohne Punkt und Komma geredet hat. Gefühlt bin ich in diesem 15-minütigem Interview vielleicht zweimal zu Wort gekommen und habe nur eine einzige Frage gestellt. Er hat einfach nur geredet und geredet. Immer wenn ich angesetzt habe, hat er weitergeredet.
Eine derartige Situation ist natürlich auch sehr lehrreich. Man kann aus seinen Fehlern lernen und weiß, wie man in das Interview eingreifen muss. Gerade eben bei Politikern oder Interviewprofis, die man möglicherweise unterbrechen muss, ist dies manchmal nötig.

Welche Fehler sollte man tunlichst bei einem Interview vermeiden?
Ich glaube, es ist nicht gut, wenn man zu hektisch ist oder man zu schnell ans Ziel kommen will.
Oftmals ist es im Journalismus so, dass man unter Zeitdruck steht und zügig Informationen benötigt. Wenn sich der Interviewpartner gedrängt fühlt und den Eindruck hat, dass der Interviewer gar nicht an der Person selbst interessiert ist und immer nur eine Bestätigung haben möchte, für das, was er ohnehin schon weiß oder schon im Kopf geschrieben hat, ist dies nicht gut. Wenn dieses Gefühl entsteht, dann wird es kein gutes Interview. Man muss sich bei Interviews Zeit nehmen und auf den Gesprächspartner eingehen. Man muss zuhören. Das Wesentliche beim Interviewen ist nicht unbedingt, die ausgeklügelte Frage zu stellen, sondern das Zuhören und das Reagieren. Wichtig kann auch das Ad-hoc-Reagieren auf ein Augenzwinkern oder eine Mimik des Gegenübers sein, bei dem man merkt, dass man einen Punkt erwischt hat, bei dem man noch mal nachfragen kann. Ein großer Fehler ist, mit vorgefertigten Fragen reinzugehen und diese abarbeiten zu wollen. So bekommt man nur ein oberflächliches Interview.

 

Jörg Sadrozinski studierte Diplom-Journalistik in München und absolvierte eine Ausbildung zum Redakteur an der Deutschen Journalistenschule, die er selbst von 2011-2017 leitete. Er arbeitete u.a. für die Süddeutsche Zeitung, die dpa, den Bayrischen Rundfunk und den NDR. Er wurde Chef vom Dienst bei den Tagesthemen und dem Nachtmagazin. Er baute als Redaktionsleiter das Internetportal tagesschau.de mit auf und arbeitete als Mitglied der Chefredaktion von ARD-aktuell. Seit 2017 leitet er das Medienkompetenzprojekt der Reporterfabrik von Correctiv. Außerdem arbeitet er als Dozent und freier Journalist.

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