Sabrina Hering ist 24 Jahre alt und hat zusammen mit Tina Dietze, Steffi Kriegerstein und Franziska Weber bei den Olympischen Sommerspielen in Rio 2016 die Silberedaille für Deutschland im Vierer-Kajak über 500 Meter geholt. Marlene hat sie getroffen und mit ihr ein Interview für die Schülerzeitung geführt.

Wie bist du zum Kanusport gekomen?
Ich habe mit elf Jahren mit dem Kanusport angefangen, unter anderem durch deinen Opa. Die Rentner haben mich damals ins Boot gesetzt und sie sagten: „Du hast Talent. Dich wollen wir gern mal im Boot sehen“, obwohl ich vorher Schwimmerin war und gar nicht so viel Lust auf Kanu hatte, habe ich mich dann ins Boot gesetzt und habe dann doch recht schnell Spaß an der Sache gefunden und war dann auch mit 15 gleich in der Juniorennationalmannschaft und bin dort Zweite geworden.
Wie kommt man denn in die Nationalmannschaft?
Wir haben jedes Jahr einen nationalen Wettkampf, wo wirklich nur die Leute hinfahren, die sich für die Nationalmann-schaft qualifizieren können und bei denen man sagen kann, dass sie das Talent für die Nationalmannschaft haben und Potential für eine Europa- und Weltmeisterschaft zeigen.
Die Qualis finden zweimal im Jahr statt und man fährt dann gegen alle Mädels. Man hat dort jeweils einen Vor-, Zwischen- und Endlauf und es starten jeweils neun Boote. Insgsamt starten dann zwischen 36 und 45 Leute und davon werden dann die neun Besten herausgesucht. Von diesen neun Besten gibt es dann die Rangliste eins bis sechs und diese sind dann meistens in der Nationalmannschaft. Aber es ist immer unterschiedlich, wie der Deutsche Kanuverband gerade die Leute so sieht. Auch wenn du dich als Sechste qualifiziert hast, kann es trotzdem sein, dass der Verband sagt, "wir nehmen dieses Jahr nur fünf mit, weil du mit deiner Leistung schon ganz schön ab vom Feld bist."
Du hast ja eine Ausbildung bei VW gemacht, für was eigentlich?
Ich habe Kauffrau für Bürokommunikation gelernt. Mit 16 habe ich meine Ausbildung zur Sport- und Fitnesskauffrau abgebrochen, weil meine Noten nicht so gut waren. Außerdem konnte ich der Schule nicht so gut folgen, da ich viel gefehlt habe. Nachdem mir auf dem Olympiastützpunkt der Rat gegeben wurde, dass ich mich bei Volkswagen bewerben solle, habe ich dies probiert. Ich hattee aber nicht damit gerechnet, dass die mich nehmen, doch haben sie es glücklicherweise gemacht und im Juni 2013 habe ich meine Ausbildung dann abgeschlossen. Ich bin jetzt noch immer bei VW, doch bin ich in Wolfsburg bei der Sportkommunikation angestellt und bin derzeit nach Hannover ausgeliehen worden.
Wirst du denn für Wettkämpfe freigestellt?
Es gibt eine ganz gute Regelung bei VW: für die sportlichen Aktivitäten, wie zum Beispiel Lehrgänge, erhalte ich eine Freistellung. Das ist  ähnlich einem Krankenschein, könnte man sagen, und dann werde ich halt freigestellt. Auch unter der Woche, wenn ich ganz regulär Zuhause bin, habe ich einen Vertrag von siebzehneinhalb Stunden, die ich dann ableiste und dann kann ich zum Training gehen. Es ist halt so gestrickt, dass ich neben meiner Arbeit noch super und erholsam Sport machen kann, ohne dass ich mich stressen muss. Es bringt ja schließlich von der Leistung, im Training sowie auf der Arbeit nichts, wenn du im Kopf total "ditsch" bist, weil du dich überall nur abhetzt.
Du bist ja im Jahr 2012 für eine kurze Zeit nach Karlsruhe gegangen. Wieso?
2012 war ich nicht in der Juniorennationalmannschaft oder U23 Nationalmannschaft und das war so eine richtige Tiefphase für mich, weil ich wirklich jahrelang zuvor immer erfolgreich war und immer Medaillen für den Deutschen Kanuverband eingefahren habe. Dann hieß es auf einmal, dass du nur die Sechste bist, deine Leistungen nicht mehr reichen und sie dich dieses Jahr nicht mitnehmen. Sie wollten dann wirklich einen Lebenslauf von mir haben und welche Medaillen ich denn vorher erfahren habe. Das war für mich echt eine Niederlage, da ich mir dachte, dass der Deutsche Kanuverband wissen müsste, was für Medaillen ich gewonnen hatte. Zu der Zeit war ich eher weniger motiviert und wollte  aufhören. Ganz viele Leute haben mir dann aber auf der Deutschen Meisterschaft gesagt, dass ich weitermachen und es mit einem Vereinswechsel versuchen sollte. Da ich in Hannover eigentlich immer alleine trainiert habe, habe ich gesagt, okay ich versuche es und dann blieb für mich nur Karlsruhe als Option, da es dort viele Mädels gab. Außerdem hatte ich in Kalsruhe noch eine Freundin, mit der ich mich gut verstanden habe. Aber es war dann doch etwas stressig, aufgrund der Zugfahrten von viereinhalb Stunden. Außerdem wollte mein Trainer, dass ich dann nach Karlsruhe ziehe, meine Arbeit bei VW kündige und zur Bundeswhr gehe. Das war für mich aber ein No-Go und deswegen bin ich dann wieder nach Hannover zurück gegangen.
Wie oft trainierst du in der Woche?
Zur Zeit mache ich gar nicht so viel, aber in der Saison, bin ich sechsmal die Woche beim Verein oder am Stützpunkt und trainiere dann vier Stunden am Tag, so dass ich auf etwa 20 bis 24 Stunden in der Woche komme.
War es schon immer ein Traum für dich, einmal bei Olympia mitzufahren?
Ja, klar. Es ist sicher für jeden Sportler, der auf Leistungsebene Sport treibt, irgendwann einmal der Traum zu den Olympischen Spielen zu fahren. Ich hatte auch schon recht schnell diesen Traum, denn ich hatte mit 16 verstanden, was es heißt, in der Nationalmannschaft zu trainieren und habe mir dann relativ schnell das Ziel gesetzt, dass ich irgendwann einmal zu den Olympischen Spielen fahren möchte. Dass das dann auch schon in Rio geklappt, damit hätte ich nicht gerechnet. Ich hatte frühstens Tokio 2020 im Sinn.
Möchtest du denn 2020 nach Tokio?
Ja, auf jeden Fall! Ich möchte dann auch unbedingtl die Goldmedaille holen. Das ist mein großes Ziel und bis jetzt haben wir vier Mädels uns auch festgelegt, dass wir den Vierer auf jeden Fall noch einmal fahren möchten. Klar kann immer mal was dazwischen kommen, gesundheitlich, Schwangerschaft oder sonst irgendwas. Aber bislang stehen die Pläne.
Hast du viel von Rio erwartet?
Ich hatte schon sehr viel von Rio erwartet, insbesondere da es meine ersten Olympischen Spiele waren. Tine und Franzi hatten von London schon immer so viel geschwärmt und erzählt, dass es von der Atmosphäre ganz anders sei als bei einer Weltmeisterschft. Aber leider traf es nicht zu. In Rio war es eigenltich von der Atmosphäre her wie bei einer Weltmeisterschaft und ich war schon sehr enttäuscht, was das angeht. Klar sind es die Olympischen Spiele gewesen, die Tribüne war voll, aber ich habe trotzdem von den Zuschauern ein bisschen mehr erwartet und man hat leider nicht so viel von Rio sehen können. Ich hatte mir eigentlich vorgenommen, die Christusstatue zu besichtigen, aber dafür hatte ich einfach keine Zeit. Wir hatten einen Sonntag frei, haben uns das Handballspiel von den Herren angeschaut und wollten danach eigentlich los. Aber es hat so geregnet und wir hatten nur noch unsere Abreiseklamotten, weil wir den Rest schon zum Flughafen geschickt hatten. Schließlich haben wir dann gesagt, wir bleiben lieber im Trockenen und damit im Olympischen Dorf. Das fand ich dan ein bisschen doof, aber das Wetter kann man ja nie vorhersehen.
Wie war die Zeit für dich in Rio?
Ich habe das alles nicht so richtig realisieren können, weil wir sehr viel Stress hatten. Wir sind morgens um siebens meistens mit dem Shuttle schon zur Strecke gefahren. Wir brauchten gut zwei Stunden, bis wir da waren. Dann haben wir meistens zwei lockere Wassereinheiten gemacht, sind nicht zehn Kilometer gepaddelt und dann noch einmal siebenmal 250m "geballert". Sondern es war einfach locker und entspannt zur Erholung, dass wir nochmal Kraft tanken konnten. Wir waren dann meistens um 17 Uhr erst wieder im Olympischen Dorf, sind dann eigentlich nur noch Abendbrotessen gegangen und haben uns schon wieder hingelegt, weil wir einfach so kaputt waren vom Jetlag und von dem ganzen hin und her. Auch so eine Busfahrt schlaucht ganz schön. Vor allem wenn die Busse auf gefühlt zwölf Grad heruntergekühlt sind und man in Rio mit dicker Daunenjacke und Mütze im Bus sitzt. Klar, die Strecke zu unserer Regattastrecke war total schön. Wir sind immer direkt am Meer entlanggefahren und konnten da schon immer ein bisschen schauen, wie der Wind steht, ob wirklich viele Wellen gerade bei uns auf dem See sind oder eher weniger. Der Ausblick war schon echt cool. Da gibt es wirklich schlimmeres. (lacht)
Hast du denn mit einer Medaille gerechnet?
Wir haben natürlich darauf spekuliert und wenn überhaupt mit dem dritten Paltz gerechnet und nicht mit einem zweiten. Außerdem hatten wir nicht damit gerechnet, auch noch so deutlich vor dem Feld ins Ziel zu kommen. Man vergleicht bereits über die Saison, wie die anderen Fahrerinnen drauf sind und in Rio waren es fünf extrem starke Boote, die um Gold mitkämpfen konnten. Aber dass sich das Blatt dann noch einmal so gewendet hat, damit hatte ich überhaupt nicht gerechnet. Wir hatten auch erst einen Monat vor Beginn der Spiele die Position gewechselt: Franzi ging auf zwei und ich bin auf Position eins gegangen. Wir wussten somit überhaupt nicht, wie wir stehen, da ich im Vierer noch nie auf Schlag saß. Wir sind einfach ins kalte Wasser geschubst worden - nach dem Motto: "Guckt mal. Entweder es läuft oder es läuft nicht. Und wenn nicht, dann nicht und wenn doch, dann ist doch alles gut." (lacht)
Hast du ein Ritual vor jedem Wettkampf?
Steffi , meine Zweier-Partnerin und ich hören meistens vor dem Wettkampf noch Musik. Wir stellen unsere Lautsprecher dann irgendwo hin und tanzen dann zu der Musik, sodass wir uns noch ein bisschen ablenken und uns nicht unbedingt auf das Rennen konzentrieren. Das machen wir jetzt schon seit drei Jahren und fahren damit auch immer relativ gut. Die anderen sagen zwar immer, dass man sich mehr auf das Rennen konzentrieren soll, aber das ist unsere Art der Konzentration. Wenn ich mich voll und ganz auf das Rennen konzentrieren würde, würde ich im Kopf bekloppt werden, weil ich mich dann einfach selber fertig machen würde, obwohl ich eigentlich vor Rennen nie aufgeregt bin. So lenke ich mich dann immer mehr davon ab.
Und was hört ihr dann für Musik?
Manchmal die neusten Charts, Trailerpark, eigenltich immer das, was Spotify gerade so hergibt. (lacht) Meist machen wir einfach eine Playlist an und dann geht es rund. Das einzige Lied, das ich stets vor den Wettkämpfen höre, ist die Filmmelodie von "Rocky", mit dem er immer in den Ring maschiert ist.
Hast du viel Freizeit?
Meine Freizeit ist meistens sonntags und da schlafe ich eigentlich nur noch. An einem richtigen Sonntag, stehe ich auf, frühstücke und lege mich dann auf mein Sofa, kuschel mich schön in meine Decke ein und schaue Fernsehen. Klar, trifft man sich abends auch mal zum Kino, aber so viel Zeit bleibt leider nicht. Manchmal schaffe ich es auch unter der Woche in die Stadt zu fahren, aber das kann man dann auch immer noch so drehen oder wenden, wie man möchte. Das ist aber eher selten.
Hat sich nach den Olympischen Spielen viel für dich geändert?
Ja, also was die Veranstaltungen angeht, auf jeden Fall. Ich bin jetzt dieses Jahr noch auf fünf bis sechs Veranstaltungen, wo ich Interviews gebe oder einen Preis übergeben muss. Ich bin auch schon ein bisschen interessanter geworden, wie ich gemerkt habe. Ich bin jetzt noch zur N-JOY zur Morningshow eingeladen und es ist schon komisch, dass ich vorher eigentlich "eine" war und jetzt erkennen mich die Leute auf der Straße und gucken mich an und sagen: "Sind Sie nicht Frau Hering, die bei den Olympschen Spielen mitgefahren ist?". Manchmal stehe ich dann nur einfach da und glaube, einfach knallrot zu werden, weil ich das gar nicht so mag. Ich möchte eigentlich gar nicht so im Mittelpunkt stehen, sondern einfach nur mit den anderen mitlaufen. Das ist halt schon komisch.
An dem ersten Tag, an dem ich wieder bei der Arbeit war, bin ich einfach nur durchs Tor gegangen und da sind mir fünf Leute entgegen gekommen. "Glückwunsch Frau Hering! Mensch das haben sie schön gemacht!". Normalerweise erkennt mich niemand und das war für mich dann so eine Situation, wo ich mir dachte: "Uh, jetzt musst du wirklich aufpassen, wie du dich hier benimmst. Jetzt kannst du nicht mehr ein bisschen albern sein und musst dich zusammenreißen." Oder auch sonntags beim Bäcker: Da kann ich jetzt nicht mehr mit wuscheligen Haaren hingehen, weil dich die Leute erkennen und das ist dann wirklich unangenehm.
Du wurdest ja vom Bundespräsidenten nach Berlin eingeladen. Wie war das so für dich?
Es war eine sehr große Ehre für mich, weil es ja die höchste Auszeichnung ist, die ein Sportler überhaupt bekommen kann. Das sind einfach so viele neue Erfahrungen für mich, die ich noch gar nicht so richtig verkraften konnte, weil ich so viele Termine habe. Ich denke, dass wenn ich im Dezember einfach mal aschalten kann und das alles nochmal Revue passieren lassen kann, werde ich das auch alles erst so richtig verstehen, wenn ich dann das Silberne Lorbeerblatt in der Vitrine sehe. Das ist schon cool. Ich hätte mir Joachim Gauck auch ganz anders vorgestellt und man konnte auch ein bisschen Smalltalk mit ihm halten. - Klar nicht zu viel, weil dann direkt die Security kam, aber er war super sympathisch und hat den Leuten wirklich interessiert zugehört und nicht einfach alles so an sich vorbeigehen lassen.

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