Eine sehr berührende Erzählung erreichte uns zu einem aktuellen und äußerst brisanten Thema: der Flüchtlingssituation in der Welt. Diana A. erzählt hier von ihren Erlebnissen in ihrer eigenen Familie.    

Ja, es waren schon fast drei Wochen der Sommerferien vorbei. Und der Alltag holte mich immer wieder ein und ehrlich gesagt – irgendwie habe ich mir die Ferien interessanter vorgestellt. Na ja, bis zu dem Zeitpunkt, an dem meine Cousine aus Syrien uns besuchte. Sie ist erst seit einem Monat in Deutschland und ist 21 Jahre alt. Alicia heißt sie. Als ich sie gesehen habe, war ich ziemlich geschockt. Woher kommen diese Narben auf ihrem Arm? Warum humpelt sie leicht? Naja, vielleicht hat sie sich während der Flucht verletzt oder so.
Sie war echt cool, sehr locker und entspannt. Meine Schwestern, Freundinnen, Alicia und ich saßen im Garten und haben geplaudert. Jeder hat etwas über sich erzählt. Jeder über seine belanglosen Probleme. Sehr uninteressant, glaubt's mir. So uninteressant, dass ich anfing die unterschiedlich langen Grashalme zu rupfen. Alicia verdeckte ihre Narben auffällig. Woher stammen sie? Bevor ich den Mut ergreifen konnte sie zu fragen, hat meine Schwester ausgeholt: „Alicia, woher kommen deine Narben?“
Sie schien überraschenderweise sehr erleichtert, ja fast glücklich zu sein, dass wir sie gefragt haben. Als würde sie es uns unbedingt erzählen wollen. Sie fing an: „Vielleicht denkt ihr, dass ich vor meiner Flucht aus Syrien irgendwie zur Schule gegangen bin oder ein stinknormales Leben geführt hab. Ihr kennt sowas nur vom Fernsehen, aber ich war wirklich an der kurdischen Front in Syrien und habe gegen den IS gekämpft.“ Mir lief ein kalter Schauer über den Rücken. Sie hat es so erzählt, als wäre es das Normalste auf der Welt - zu kämpfen und jeden Tag dem Tode nahe zu kommen. Sie erzählte weiter: „Ich wurde in Kobane positioniert und bediente ein Militärfahrzeug mit einer Kanone drauf. Wir waren sehr viele Frauen, da der IS sich vor Frauen fürchtete. Wenn sie von einer Frau umgebracht werden, würden sie nicht ins Paradies kommen, dachten sie.“ Wir alle sahen sie geschockt aber auch fasziniert an. In meinem Kopf schwirrten tausende von Fragen rum: Hatte sie keine Angst? Hat sie ihre Familie nicht vermisst? Wie ist sie auf die Idee gekommen, zu kämpfen?... Doch meine Freundin weckte mich aus meinen Gedanken und fragte sie, wer der IS sei und was dessen Ziel sei, da sie nicht besonders gut über den IS informiert war. Jiyan fing sofort an zu erzählen: „Der IS ist eine Terrororganisation im Nahen Osten, die für einen Islamischen Staat kämpfen. Dahinter stehen Extremisten der sunnitischen Glaubensrichtung des Islam, die vorwiegend aus Syrien und dem Irak kommen. Sie wollen die Regierungen in vielen Ländern stürzen und einen islamischen Staat mit einer rauen und brutalen Auslegung des islamischen Rechts errichten. Sie bringen alle Muslime um, die ihre Version des Islams, also die des IS, nicht anerkennen.“ Meine Freundin war schockiert und fragte Alicia, weshalb sie gekämpft hat und ob sie keine Angst hatte, dass ihr etwas zustoßen könnte. Daraufhin antwortete Alicia sehr sensibel: „Ich hatte Angst, sehr sogar! Aber nicht vor dem IS oder vor meinem Tod, sondern um meine Familie. Ihr wisst ja, wir leben dort in einem Dorf, das jederzeit angegriffen werden kann. Deshalb bin ich zur kurdischen Front gegangen um gegen den IS zu kämpfen und somit meine Familie und viele andere kostbare Menschenleben zu beschützen. Ich bin sehr überzeugt in den Kampf getreten, obwohl die Lebensumstände miserabel waren. Wir konnten uns teilweise für lange Zeit nicht waschen. Von Maniküre oder Schminke haben die wenigsten geträumt. Für uns gab es so etwas nicht. Was für euch Shoppen ist, ist für uns der Erfolg im Kampf gewesen. Je ernster die Lage im Leben wird, je näher man dem Tod kommt, desto belangloser werden all diese Dinge, die uns angeblich dem Schönheitsideal gerecht machen. Doch die einzig wahre Schönheit ist es, den  Waisenkindern im Dorf ein Lächeln zu schenken, Sicherheit zu schenken“. Alle saßen still und gedankenverloren um Alicia herum und sahen sehr betroffen aus.  Da ich wusste, dass alle sprachlos waren und nicht wussten was sie sagen sollten, habe ich die Stille unterbrochen.
„ Alicia? Weshalb hast du aufgehört zu kämpfen und bist nach Deutschland gekommen?“. Alle Blicke richteten auf Alicia und sie antwortete: „Eines Tages hat mich ein Bombensplitter am Bein getroffen und die Wunde war so tief, dass ich fast mein Bein verloren hätte. Doch zum Glück war ein französischer Arzt vor Ort und hat mein Bein geheilt. Aber ich konnte leider nicht mehr aufrecht gehen, da mein Bein sehr verletzt war. Ich konnte wegen meiner Verletzung nicht mehr kämpfen. Und als ich erfuhr, dass meine Mutter in Deutschland todkrank wurde, wollte ich zu ihr.“  
Okay, STOP. Ich will nicht weiter ins Detail gehen.

Mich fasziniert es, wie unterschiedlich unser Leben auf dieser Welt sein kann.
Meine Mutter brachte uns frisch gegrillten Mais. Für uns ein alltägliches Lebensmittel. Alicia griff sich einen Kolben: „Boah, wie lange ich keinen Mais mehr gegessen habe!“