Wer hat heutzutage noch seine eigene Meinung?
Wer macht sich selbst ein Bild und wessen Sicht auf die Welt wurde durch die allgemeingeltende Auffassung der Gesellschaft geprägt?

"Labeling" nennt sich dieses engstirnige, vorgegebene Denken im englischsprachigen Raum und bedeutet so etwas wie "abstempeln" oder "stigmatisieren". Anzufinden ist dieses Modell des Denkens quasi überall. Egal, ob Medien, Kleidung oder Sexualität, die Labels, die wir geschaffen haben, bestimmen unser Denken und Handeln und damit auch, wer wir sind. Das muss nicht nur negativ zu verstehen sein. Kategorisches Denken ist dem Menschen naturgegeben. Ohne diese Fähigkeit hätten wir es im Leben viel schwerer. Himbeeren, Bananen und Orangen sind Obst, Tomaten und Gurken Gemüse und alle sind sie essbar. Bewaffnete Menschen und Raubtiere können uns gefährlich werden und flauschige Welpen eher nicht. Soweit, so gut. Aber wenn es um andere Indiviuen und dessen Verhaltensweisen geht, wird es kritisch.

Jede Band bestehend aus jungen Männern ist eine Boyband, jeder Vampirfilm ausschließlich für Mädchen und Fußball, Computerspiele und Rapmusik selbstverständlich nur für Jungen. Ist doch klar. Wer sowohl schon Frauen und Männer als Partner hatte, hatte nicht vielleicht mal eine experimentelle Phase, sondern ist definitiv bisexuell und alle Jungen, die viel gestikulieren homosexuell. Wozu nachdenken, wenn doch alles so offensichtlich ist?
Doch wer definiert diese Dinge? Wer erstellt diese Kategorien, die als Grundlage für das allgemeine Schubladendenken der Gesellschaft dienen? Wieso ist es komisch, wenn Jungen lange Haare haben oder Mädchen zum Militär gehen? Und was macht eine Band überhaupt zu einer Boyband? Und wieso ist der Begriff so negativ besetzt? Wo sind die Merkmale der Kategorien, die wir schaffen, gelistet? Wer setzt die Grenzen? Und vor allem: Müssen wir denn immer alles benennen? Müssen wir uns selbst labeln? Müssen wir als Individuen sprachlich einer Gruppierung zugeordnet werden? Was sagt das überhaupt über uns aus? Können wir nicht sein, wer wir sind, ohne uns in eine Schublade stecken zu lassen? Schränkt uns dieses Stigmatisieren nicht eher ein in unserer Persönlichkeit und beeinflusst unser Handeln? Wenn wir uns labeln, bauen wir dann nicht in anderen - und vielleicht auch in uns selbst - eine gewisse Erwartungshaltung auf? Jeder Mensch hat einen vielfältigen Charakter, der sich von Tag zu Tag weiterentwickelt. Nichts ist ausschließlich schwarz oder weiß, niemand ausschließlich gut oder böse.