"Cosmopolis" lautet der Titel des 2003 bei KiWi Paperback erschienenen Romans von Don DeLillo. Der italienischstämmige Autor wurde 1936 in New York geboren und gilt zurecht als einer der wichtigsten Autoren international. Er verbindet durch seine Werke den Flair der alten Klassiker mit aktuellen, kritischen Themen der heutigen Zeit.
So auch in „Cosmopolis“, dessen 205 Seiten in zwei Teile unterteilt sind. Die Geschichte handelt von einem Tag im Leben Eric Packers, einem 28-jährigen Mann, der durch Börsenspekulationen zum Selfmade-Millionär wurde. Die Geschichte trägt sich im April 2000 zu, an einem Tag, an dem die Limousinenfahrt des Steinreichen auf dem Weg zum Friseur in einen Stau gerät. Der wird nämlich durch ganz New York verursacht und zwar vom US-Präsidenten höchst persönlich. Als wäre das nicht genug, bewegt sich Packers Stretchlimousine auch noch in eine Demonstration von Globalisierungsgegnern und in die bombastische Beerdigung eines plötzlich verstorbenen Rappers.
Der Leser wird durch die Fahrt Zeuge von Treffen mit Finanz- und Psychoberatern, seinem Arzt und nicht zuletzt von sexuellen Begegnungen mit Frauen und gelegentlichen Essen mit der erst vor 22 Tagen geheirateten Dichterin und Erbin. Anfangs scheint alles glatt zu laufen, doch nur bis Packers Bodyguards ihm mitteilen, sein Leben sei in Gefahr (…)


Was beim Lesen sofort ins Auge springt und den Roman definitiv lesenswert macht, ist der herausragend gute Schreibstil des Autors. So reicht schon der Beginn der aller ersten Seite, um jeden Literaturfreund dahinschmelzen zu lassen:


"Der Schlaf ließ ihn jetzt öfter im Stich, nicht ein- oder zweimal die Woche, sondern viermal, fünf. Was tat er, wenn das passierte? Er machte keine langen Spaziergänge in die aufziehende Abenddämmerung hinein. Kein Freund war ihm so nah, dass er ihn mit einem Anruf belästigen wollte. Was hätte er sagen sollen? Es ging um Momente des Schweigens, nicht um Worte. Er versuchte, sich in den Schlaf zu lesen, wurde aber nur ruheloser. Er las Wissenschaftliches und Lyrik. Er mochte karge Gedichte, die minuziös ins Weiße platziert waren, ins Papier gebrannte Reihen alphabetischer Anschläge. Gedichte machten ihm bewusst, dass er atmete. Ein Gedicht legte Dinge im jeweiligen Augenblick offen, auf deren Wahrnehmung er normalerweise nicht vorbereitet war. Darin lag die Nuance jedes Gedichts, zumindest für ihn, nachts, in diesen langen Wochen, ein Atemzug nach dem anderen im rotierenden Raum ganz oben in der dreigeschossigen Maisonnette." (S.13).

DeLillo weiß, sich eloquent und voller Wissen auszudrücken und verschafft somit zu Beginn des Romans einen gewissen Respekt und eine Art der Bewunderung gegenüber dem Protagonisten, welcher immer wieder mit einer unfassbaren Wortgewandtheit seine Umgebung studiert und bewertet. So macht er sich beispielsweise Gedanken über das Anachronistische des Wortes Wolkenkratzer (Seite 16), rätselt fieberhaft über den lateinischen Begriff der Pflanze Christusdorn (Gleditsia triacanthos) (S.32 und S.38) und beschäftigt sich mit dem Pathos des Wortes Tornister (S.48).
Der anfänglich positive Eindruck wandelt sich dann jedoch recht schnell, als Packer die Gedichte seiner Frau als "scheiße" bezeichnet (S.23), die wahren Hochzeitsgründe offenlegt und die an mangelndem Selbstbewusstsein Leidende auf den Folgeseiten mehrfach betrügt. Der Leser lernt eine unschöne Seite des jungen Millionärs kennen; Packer als notgeilen Sexsüchtigen ohne Gewissen, abgehoben und realitätsfern, geprägt von perversen Fantasien. So wirkt die anfänglich fesselnde Absurdität von Packers Handlungsentscheidungen nur noch skurril und lässt den Leser spätestens auf Seite 146 fassungslos zurück.
Kaum haben wir dann auch Packers negative Seiten kennengelernt, kommt ab Seite 61 schließlich mit "Benno Levins Bekenntnisse" der erste Wendepunkt der eigentlichen Handlung, der auf ein mögliches Ende des Romans hindeutet.
Es ist gut denkbar, dass man den Protagonisten im Laufe der Geschichte eher unsympathisch findet. Das ist auch der Grund, weswegen man als Jugendlicher „Cosmopolis“ vielleicht eher nicht als Lieblingsbuch betiteln würde. Im Gegensatz zu Jugendbüchern fühlt man in diesem Roman sicherlich eher weniger mit dem Hauptcharakter mit.
Dennoch lohnt es sich auf jeden Fall, das Buch zu lesen. Allein aufgrund des oben erwähnten Schreibstils, wäre es eine Schande, noch nie etwas von DeLillo gelesen zu haben. Wer jedoch mit Literatur nicht so viel anfangen kann und sich dennoch für die Geschichte interessiert, der wirft vielleicht einen Blick in die gleichnamige Verfilmung, in welcher Robert Pattinson die Rolle des Eric Packers übernimmt.